Denkanstoss: Der Speech-Code – Warum wir oft anders wirken, als wir denken
Kennst du das? Du hörst eine Aufnahme von dir selbst und denkst nach den ersten zwanzig Sekunden: Rede ich wirklich so? So schnell? So viele „Ähms“? So viele Schachtelsätze? Und warum sage ich eigentlich ständig „eigentlich“?
Die meisten von uns sprechen jeden Tag stundenlang. Trotzdem wissen wir erstaunlich wenig darüber, wie wir tatsächlich sprechen. Wir wissen ziemlich genau, was wir sagen wollen. Aber deutlich weniger darüber, wie wir dabei auf andere wirken.
Je intensiver ich mich in letzter Zeit wieder mit Rhetorik-Coaching beschäftige, desto spannender finde ich genau diesen Punkt. Ein großer Teil unseres Sprechens läuft nämlich automatisch ab. Wir entscheiden nicht bei jedem Satz bewusst, wie schnell wir sprechen, wann wir eine Pause machen, wie lang unsere Sätze werden oder welche Wörter wir benutzen. Zum Glück, sonst kämen wir kaum noch zum Reden.
Über viele Jahre entwickeln wir dabei bestimmte Gewohnheiten. Der eine spricht schnell, die andere macht kaum Pausen. Manche formulieren präzise, aber kompliziert. Andere relativieren ihre Aussagen, bevor sie überhaupt fertig ausgesprochen sind. Wieder andere greifen immer zu denselben Füllwörtern oder verändern unter Druck plötzlich ihre Stimme.
Diese wiederkehrenden Muster nenne ich den SpeechCode. Eine Art persönlicher sprachlicher Autopilot. Und dieser Autopilot prägt ziemlich stark, wie andere uns erleben: klar oder kompliziert, souverän oder unsicher, präsent oder hektisch.
Das Interessante daran: Wir selbst bemerken unseren SpeechCode oft am wenigsten.
Der Sprecher weiß, wohin er will. Der Zuhörer nicht unbedingt.
Nehmen wir jemanden, der sehr differenziert denkt. Eigentlich eine hervorragende Voraussetzung. Nur führt differenziertes Denken gelegentlich auch zu differenziertem Sprechen. Und dann beginnt ein Satz irgendwo in Heidelberg, macht einen Abstecher über Frankfurt und Stuttgart und kommt sieben Nebensätze später hoffentlich wieder am Ausgangspunkt an. Der Sprecher weiß die ganze Zeit, worauf er hinauswill. Der Zuhörer nicht unbedingt.
Oder jemand möchte besonders sorgfältig formulieren und sagt: „Ich würde vielleicht sagen, dass man möglicherweise einmal darüber nachdenken könnte …“ Dahinter kann ein völlig klarer Gedanke stecken. Nur kommt beim Gegenüber nicht mehr besonders viel von dieser Klarheit an.
Das Problem ist dann nicht, dass der Mensch nichts zu sagen hätte. Das Problem ist sein Sprechmuster.
Deshalb beginnt Rhetorik-Coaching für mich inzwischen früher
Wenn Menschen besser sprechen wollen, suchen sie oft zuerst nach neuen Techniken. Sie wollen schlagfertiger werden, souveräner auftreten, bessere Präsentationen halten oder Stimme und Körpersprache gezielter einsetzen. Alles sinnvoll.
Aber inzwischen interessiert mich eine andere Frage zuerst: Was ist eigentlich schon da? Wie spricht dieser Mensch, wenn er nicht darüber nachdenkt? Was passiert mit Tempo, Stimme und Satzbau? Wo entstehen Pausen? Welche Formulierungen tauchen immer wieder auf? Was verändert sich, sobald Unsicherheit oder Druck entsteht?
Daraus entsteht eine Personal Baseline. Keine Bewertung der Persönlichkeit und auch kein „So solltest du sprechen“, sondern zunächst eine nüchterne Bestandsaufnahme des eigenen SpeechCodes. Und die kann erstaunlich aufschlussreich sein.
Inside Out gilt auch beim Sprechen
Viele Rhetoriktrainings arbeiten von außen nach innen: Sprich langsamer. Mach mehr Pausen. Steh aufrechter. Formuliere klarer. Das kann funktionieren.
Mich interessiert inzwischen stärker der umgekehrte Weg. Erst wahrnehmen, was ich tue. Dann verstehen, welches Muster dahinterliegt. Und erst dann entscheiden, was ich verändern möchte.
Ein „Ähm“ ist zum Beispiel nicht einfach nur ein störendes Geräusch. Vielleicht sucht jemand während des Sprechens noch nach dem nächsten Gedanken. Vielleicht fällt es ihm schwer, eine Pause auszuhalten. Vielleicht versucht er, besonders präzise zu formulieren. Oder sein Denken ist einfach schneller als sein Sprechen.
Wenn ich nur das „Ähm“ loswerden will, arbeite ich am Symptom. Wenn ich verstehe, wann und warum es entsteht, verändere ich das Muster dahinter. Genau das meine ich mit SpeechCode.
Besonders sichtbar wird er unter Druck
Interessant wird unser SpeechCode vor allem dann, wenn etwas nicht nach Plan läuft. Eine kritische Frage. Ein Vorstellungsgespräch. Ein Einwand. Eine Präsentation vor Menschen, deren Urteil uns wichtig ist.
Unter Druck greifen wir besonders zuverlässig auf unsere automatischen Muster zurück. Der eine wird schneller, die andere leiser. Manche beginnen immer ausführlicher zu erklären. Andere werden vorsichtig und eröffnen plötzlich fast jeden Satz mit „Ich glaube“, „vielleicht“ oder „ich bin mir nicht sicher, aber …“.
Vielleicht ist Souveränität deshalb gar nicht die Abwesenheit von Nervosität. Sondern die Fähigkeit, die eigenen Muster trotz Nervosität noch wahrzunehmen und ein Stück weit zu steuern.
Kennst du deinen SpeechCode?
Wenn du neugierig bist, probiere etwas sehr Einfaches. Nimm dein Smartphone und sprich drei Minuten frei über ein Thema, das dir wichtig ist. Ohne Vorbereitung. Danach hörst du dir die Aufnahme an.
Aber bitte nicht mit der Frage: „War das gut?“
Die interessantere Frage lautet: Was mache ich beim Sprechen immer wieder, ohne es zu merken?
Vielleicht entdeckst du nichts Spektakuläres. Nur ein paar Füllwörter, ein hohes Tempo, lange Sätze, wenig Pausen oder eine Lieblingsformulierung, die erstaunlich oft auftaucht. Aber genau darum geht es.
Gute Rhetorik beginnt vielleicht weniger damit, immer noch etwas Neues zu lernen. Sondern damit, das eigene Sprechen überhaupt erst einmal zu erkennen. Denn erst wenn du deinen SpeechCode kennst, kannst du entscheiden, was davon bleiben soll und was du verändern möchtest.
Freier denken. Bewusster sprechen.
Dein Hans-Jürgen
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