Denkanstoß 3: Der Rhetorik-Code – Warum gutes Sprechen weniger mit Talent zu tun hat, als wir denken
Warum wir oft anders wirken, als wir denken
Kennst du das?
Du hörst eine Audio-Aufnahme von dir selbst und denkst nach den ersten zwanzig Sekunden:
Rede ich wirklich so?
So schnell?
So viele „Ähms“?
So viele Schachtelsätze?
Und warum sage ich eigentlich ständig „eigentlich“?
Die meisten Menschen hören sich selbst erstaunlich selten bewusst beim Sprechen zu. Wir sprechen schließlich den ganzen Tag. Wir wissen doch, wie wir reden. Ob dem wirklich so ist?!
Je intensiver ich mich in letzter Zeit wieder mit Rhetorik-Coaching beschäftige, desto stärker beschleicht mich ein Verdacht:
Wir wissen ziemlich gut, was wir sagen wollen. Aber deutlich weniger darüber, wie wir tatsächlich sprechen.
Und genau da wird es interessant.
Wir haben alle einen sprachlichen Autopiloten
Wenn ich spreche, entscheide ich nicht bei jedem Satz neu:
- Jetzt mache ich eine Pause.
- Jetzt spreche ich etwas langsamer.
- Jetzt formuliere ich einen kurzen Satz.
- Jetzt betone ich dieses Wort.
- Jetzt sollte ich vielleicht lieber nicht schon wieder „sozusagen“ sagen.
Zum Glück nicht. Wir kämen sonst kaum noch zum Sprechen. Ein großer Teil unseres Sprechens läuft automatisch ab. Wir entwickeln über Jahre bestimmte Muster: ein typisches Sprechtempo, bevorzugte Satzkonstruktionen, bestimmte Füllwörter, Betonungen, Abschwächungen und kleine sprachliche Gewohnheiten.
Ich nenne dieses Bündel unseren Rhetorik-Code.
Und dieser Code entscheidet ziemlich stark darüber, wie andere uns erleben.
- Klar oder kompliziert.
- Souverän oder unsicher.
- Präsent oder hektisch.
- Interessant oder anstrengend.
Das Gemeine daran: Wir selbst bemerken vieles davon kaum noch.
Inhaltlich klar. Sprachlich leider nicht immer.
Nehmen wir einen Menschen, der sehr differenziert denkt.
Eigentlich eine wunderbare Voraussetzung. Nur führt differenziertes Denken gelegentlich zu differenziertem Sprechen. Und differenziertes Sprechen kann bedeuten:
Der Satz beginnt irgendwo in Heidelberg, macht einen kleinen Abstecher über Frankfurt, nimmt noch Stuttgart mit und kommt sieben Nebensätze später hoffentlich wieder am Ausgangspunkt an.
Der Sprecher weiß die ganze Zeit, wohin er will. Der Zuhörer nicht unbedingt. Oder jemand möchte besonders sorgfältig formulieren:
„Ich würde vielleicht sagen, dass man möglicherweise auch einmal darüber nachdenken könnte …“
Am Ende bleibt von einer ursprünglich klaren Aussage nicht mehr besonders viel übrig. Nicht weil der Mensch nichts zu sagen hätte. Sondern weil sein Rhetorik-Code die Aussage unterwegs weichgespült hat.
Das Problem ist nicht immer fehlende Rhetorik
Wenn Menschen besser sprechen wollen, denken sie häufig zuerst an Techniken.
- Wie baue ich einen Vortrag auf?
- Wie erzähle ich Geschichten?
- Wie gestikuliere ich richtig?
- Wie wirke ich souveräner?
- Wie formuliere ich schlagfertiger?
Alles sinnvoll. Nur habe ich den Eindruck, dass wir auch hier gerne zu einer Strategie greifen, die mir schon bei Kommunikation insgesamt aufgefallen ist:
Wir fügen etwas hinzu, bevor wir uns anschauen, was eigentlich schon da ist.
Noch eine Methode. Noch eine Technik. Noch ein rhetorisches Werkzeug.
Dabei wäre die erste Frage vielleicht eine andere:
Was mache ich beim Sprechen eigentlich automatisch?
Rhetorik-Coaching beginnt für mich deshalb inzwischen ziemlich unspektakulär
Mit Zuhören. Nicht der Coachee soll zunächst besser zuhören. Ich höre ihm zu. Sehr genau.
- Wie schnell spricht er?
- Wo macht er Pausen?
- Wie lang sind seine Sätze?
- Welche Füllwörter benutzt er?
- Wie häufig schwächt er Aussagen ab?
- Wie strukturiert er Gedanken?
- Was passiert mit seiner Stimme?
- Was tut er, wenn er kurz nicht weiß, wie es weitergeht?
Und irgendwann entsteht etwas, das im ersten Moment wenig sexy klingt: eine Baseline.
Also eine möglichst nüchterne Beschreibung dessen, was gerade tatsächlich passiert. Das ist noch keine Verbesserung. Das ist erst einmal „nur“ Wahrnehmung.
Und genau das ist häufig schon ziemlich aufschlussreich.
„Das mache ich wirklich so oft?“
Einer meiner Lieblingsmomente im Coaching ist der Augenblick, in dem jemand sein eigenes Sprechmuster erkennt.
- „Ich rede wirklich so schnell?“
- „Ich sage ständig ‚halt‘.“
- „Warum entschuldige ich mich eigentlich dauernd für meine Aussagen?“
Oder der Klassiker:
„So viele Ähms waren das doch bestimmt nicht.“
Doch. Manchmal waren es sogar noch ein paar mehr. Das ist nicht schlimm. Im Gegenteil.
Was ich wahrnehme, kann ich verändern. Was ich nicht wahrnehme, steuert mich.
Und damit sind wir ziemlich schnell bei einem Gedanken, der für mich weit über Rhetorik hinausgeht.
Inside Out gilt auch beim Sprechen
Wir versuchen häufig, Wirkung von außen nach innen zu erzeugen.
- Steh aufrechter.
- Mach mehr Pausen.
- Schau die Menschen an.
- Sprich langsamer.
- Benutze stärkere Formulierungen.
Das kann funktionieren. Ich finde inzwischen jedoch den umgekehrten Weg weitaus tragfähiger und nachhaltiger..
Inside Out.
Erst wahrnehmen, was in mir und beim Sprechen passiert. Dann verstehen, welches Muster dahinterliegt. Und erst dann entscheiden, was ich verändern möchte.
Denn ein „Ähm“ ist beispielsweise nicht einfach ein störendes Geräusch. Es kann ganz unterschiedliche Funktionen haben.
Vielleicht …
- … denkt jemand während des Sprechens.
- … hat er Angst vor einer Pause.
- … versucht er, einen besonders perfekten Satz zu bauen.
- … ist sein Denken schlicht schneller als sein Mund.
Wenn ich nur das „Ähm“ bekämpfe, arbeite ich am Symptom. Wenn ich verstehe, wann und warum es entsteht, kann ich am Muster arbeiten.
Der Engpass – bitte nicht alles gleichzeitig
Ein weiterer Klassiker im Rhetoriktraining:
„Du solltest langsamer sprechen, mehr Pausen machen, weniger Füllwörter benutzen, stärker betonen, kürzere Sätze bilden und noch etwas mehr Blickkontakt halten.“
Viel Spaß beim nächsten Vortrag.
Der Sprecher steht anschließend vor seinem Publikum und denkt während des Sprechens ungefähr so:
„Langsamer. Pause. Blickkontakt. Ähm, kein Ähm. Hände. Stimme. Kurze Sätze. Verdammt, wo war ich?“
Besonders souverän wirkt das selten. Deshalb interessiert mich im Coaching inzwischen vor allem der Engpass.
Welche eine oder zwei Veränderungen würden momentan den größten Unterschied machen?
Vielleicht ist es nur das Tempo. Oder die Tendenz, jeden Gedanken dreimal abzusichern. Oder die fehlende Pause. Oder ein Satz, der regelmäßig fünf Gedanken gleichzeitig transportieren möchte.
Es gilt nicht alles verbessern zu wollen und am besten noch gleichzeitig. Es geht darum, das Richtige verbessern.
Unter Druck zeigt sich der wahre Rhetorik-Code
Besonders spannend wird es übrigens dann, wenn Druck entsteht: eine kritische Frage, ein Vorstellungsgespräch, eine Präsentation vor wichtigen Menschen oder ein Einwand, auf den wir nicht vorbereitet sind.
Denn unter Druck greifen wir besonders zuverlässig auf unsere automatischen Muster zurück.
Der eine wird schneller. Die andere wird leiser. Der Nächste redet immer ausführlicher.
Und wieder jemand eröffnet plötzlich fast jeden Satz mit:
„Ich glaube …“
„Vielleicht …“
„Ich bin mir nicht sicher, aber …“
Unser Rhetorik-Code zeigt sich nicht unbedingt dann am deutlichsten, wenn wir fünf Minuten vorbereitet vor einer Kamera sprechen. Sondern dann, wenn etwas nicht nach Plan läuft.
Vielleicht ist deshalb Souveränität auch gar nicht die Abwesenheit von Nervosität.
Sondern die Fähigkeit, sich trotz Nervosität noch ein Stück weit selbst steuern zu können.
Das Ziel ist übrigens nicht der perfekte Sprecher
Ich möchte nicht, dass Rhetorik-Coaching dazu führt, dass irgendwann alle gleich sprechen.
Gleiche Gesten.
Gleiche Storys.
Gleiche bedeutungsschwangere Pausen.
Das wäre ziemlich langweilig. Ein analytischer Mensch darf durchaus analytisch sprechen und ein sehr quirliger Mensch darf lebendig sein.
Humor darf bleiben. Ecken und Kanten auch. Der Rhetorik-Code ist keine Anleitung, einen anderen Menschen aus sich zu machen. Eher das Gegenteil.
Es geht darum, störende Muster zu reduzieren, damit das, was ohnehin da ist, besser sichtbar und hörbar wird.
Eine kleine Übung
Falls du deinen eigenen Rhetorik-Code einmal kennenlernen möchtest:
Nimm dein Smartphone. Sprich drei Minuten über ein Thema, das dir wichtig ist. Ohne Vorbereitung. Und dann hör dir die Aufnahme an.
Nicht mit der Frage: „War das gut?“
Sondern mit drei anderen:
- Was mache ich immer wieder?
- Was davon hilft meiner Wirkung?
- Und was davon steht mir im Weg?
Vielleicht entdeckst du nichts Dramatisches. Nur ein paar kleine Gewohnheiten.
Aber möglicherweise ist genau das der Punkt.
Denn gute Rhetorik entsteht vielleicht weniger dadurch, dass wir immer noch etwas Neues lernen.
Sondern dadurch, dass wir früher bemerken, was wir längst tun.
Und dann mehr Wahlmöglichkeiten zu haben.
Freier denken. Bewusster sprechen.
Dein Hans-Jürgen
PS. Sehr gerne unterstütze ich dich dabei, entweder durch ein „1:1 Rhetorik-Coaching“ oder durch mein Workshop „Überzeugende Auftritte“.
Du willst vorab einfach nur einmal eine professionelle Analyse deiner rhetorischen Baseline? Dazu brauche ich lediglich zwei kurze Audio-Clips, die du mir schickst. Zeitnah schicke ich Dir dann eine ausführliche Analyse Deiner Baseline, deinen Engpässen und konkrete Entwicklungsempfehlungen für deinen ganz persönlichen Rhetorik-Code.

