Explizite und implizite Kommunikation – zwei Kommunikationsstile stellen sich vor

Watte-HammerWelche ist die bessere Kommunikation? Dem anderen etwas sehr diplomatisch, nett verpackt und durch die Blume zu sagen… oder besser direkt und offen – ohne Umschweife – sagen, was man möchte? Sollte man eher implizit oder doch lieber explizit kommunizieren?
In diesem Artikel geht es um diese beiden sehr grundsätzlichen Kommunikationsstile – ihre Ursachen und eventuellen Folgen.

Vielleicht kennen Sie ja auch Menschen, die einen dadurch an den Rand des Wahnsinns bringen können, indem sie nie konkret sagen, was sie eigentlich wollen.
Ich kann mich noch gut an einen Freund meines Juniors erinnern, der zusammen mit 8 anderen Rabauken rund um den Geburtstagstisch saßen. Die Situation war schon an sich für mich nicht wirklich stressfrei… aber was meine kommunikative Kompetenz an ihre Grenzen brachte war er – nennen wir ihn mal Pascal. Pascal ist an sich eher eine ruhige, ja fast introvertierte Variante eines typisch 9-jährigen, ein wenig altklug – aber sonst ganz lieb.
Und während die anderen Jungs am Tisch ihrem Bedürfnis direkt (.. umd meist ziemlich laut) zum Ausdruck brachten: “Ich will noch Fanta!“, versuchte Pascal  dem Objekt seiner Begierde  anders beizukommen. Ganz beiläufig hörte ich da z.B. ein: „Meine Mama hat gesagt, ich soll vor dem Rausgehen genügend trinken.
Wow – dachte ich. So jung und schon ein Groß-Meister der impliziten Sprache.
Unter „implizit“ versteht man Botschaften, die indirekt formuliert werden – im Gegensatz zu expliziten – also ausdrücklich formulierten Botschaften, z.B. wenn Pascal gesagt hätte: „Bitte schenk´ mir  noch ein Glas Fanta ein!

Den Podcast zum Blog gibt es hier zum Hören:

Nun könnte man sagen:”Mensch, Junge, sag doch, was du willst und dann bekommst du das auch.” Mit anderen Worten: Sprich explizit und hör auf mit diesen impliziten Wattebällchen um dich zu werfen.

Aber sind implizite – also versteckte Botschaften – wirklich per se schlecht.
Na ja – es kommt darauf an.
Wenn solch ein implizites Sprachbällchen angeschwebt kommt, ist man als Empfänger erst mal gefordert, es richtig zu verstehen.

„Was genau will er mir eigentlich sagen?“
Will er mich nur über etwas informieren oder soll ich etwas bestimmtes tun? Oder vielleicht will er nur etwas über sich aussagen?

implizit

Und aus Sicht des Senders haben vage implizite Botschaften auch einen tollen Vorteil: Man muss sich nicht festlegen und kann im Zweifelsfall immer dementieren:

Da sagt der eine Kollege zum anderen, der gerade über einem schwierigen Problem brütet: „Du ich glaube, wir holen einfach mal den Chef dazu.
Was?“, meint der andere, “glaubst Du etwa, ich kriege das nicht alleine hin.
Worauf Kollege 1 sich elegant aus der Affäre ziehen kann mit einem : “Nein, so meinte ich das doch gar nicht.

Kurzum: Implizite Botschaften haben Vorteile (… besonders für den Sender), bergen aber auch eine Menge Nachteile in sich (… besonders für den Empfänger):
Man weiss oftmals nicht wirklich, woran man ist.

Aber warum sagen dann Menschen im Sinne einer eindeutigeren Kommunikation nicht einfach, was Sie meinen?

Hier ein paar Gründe, warum Menschen implizit kommunizieren:

Chaos im Kopf .. oder Zwei Seelen schlagen ach in meiner Brust
Manchmal wissen wir selbst nicht was wir wirklich wollen- na und wenn ich nicht weiss, was ich will, wie kann ich dann sagen, was ich meine? Das ist nicht so verrückt wie es sich anhört. Ich glaube, in vielen Situationen sind wir mit uns uneins und analog zu Grossmeister Goethe „Zwei Seelen schlagen, ach, in meiner Brust“ kann keine eindeutige explizite Botschaft herauskommen – wo mehrdeutige Wünsche und Bedürfnisse drin sind, oder?!
Einerseits sollte ich dem Kollegen schon mal sagen, dass er Mundgeruch hat – andererseits ist er dann vielleicht verletzt, also biete ich ihm mal ein Pfefferminz-Bonbon an – dass er blöderweise ablehnt. Immer dann, wenn wir mit uns selbst noch uneins sind, und zwei widersprüchliche Meinungen in uns tragen, flüchten wir uns gerne in implizite Aussagen.

Aus Furcht vor Ablehnung
Klar – wenn ich recht direkt – also explizit ein Bedürfnis oder einen Wunsch äussere – dann ist die Gefahr gross, auch ein Nein zu kassieren. Und wenn ich mit einem „Nein“ schwer umgehen kann – weil diese in meinem Weltbild Ablehnnung bedeuten – dann werde ich mein Anliegen eher versuchen, möglichst vage zu implizieren.

Menschen sondern also aus ganz unterschiedlichen Gründen vage implizite Botschaften ab: Sie haben Angst mit zuviel Direktheit andere zu verletzten, auf deren Ablehnung zu stossen, sich festlegen zu müssen oder sie wissen schlichtweg selbst nicht, was sie wirklich wollen.

Die Lösung? Ganz einfach oder?! Kommuniziert explizit, eindeutig und ausdrücklich!
Dann gibt´s weniger Missverständnisse und wir müssen uns – als Empfänger – nicht im Hellsehen und Gedanken lesen üben.

Aber ist es wirklich so einfach – ist es wirklich besser, wenn wir ab dato nur noch ausdrücklich und direkt, also explizit kommunizieren?

Wie würde sie wohl reagieren, wenn ich heute abend nach Hause komme und meinem u.U. aufkeimenden Verlangen nach Zärtlichkeit dadurch Ausdruck verleihe, in dem ich zu meiner Frau sage: „Würdest Du bitte einmal still halten – ich will Dich küssen?“
Gut – zumindest wäre das mal eine deutliche Ansage – ob sie mit Erfolg gekrönt wäre – möchte ich doch eher bezweifeln.

Oder stellen Sie sich einen Politiker vor, der in seinen Wahlreden in jedem zweiten Satz darauf hinweist, wie ehrlich und bürgernah er ist. Das wäre genauso komisch, als wenn ich Euch in jedem Podcast davon erzählen würde, wie kompetent ich als Trainer wäre, oder?

Klaus Jarchow hat das auf seinem Wörterblog treffend beschrieben:

“Es gibt Kunden, die in ihren Texten möglichst «kompetent» erscheinen möchten. Das ist ja auch legitim. Wenn aber das Wort «Kompetenz» ihnen gar nicht oft genug im Text auftauchen kann, dann wird’s problematisch. Regelmäßig streite ich mich dann mit ihnen, bis diesen Hartköpfen endlich klar ist, dass der erwünschte kommunikative Effekt nicht am Wort klebt wie der Panzer an der Schildkröte. Oder aber ich gehe …”
[…]
Mit anderen Worten: positive Eigenschaften lassen sich explizit gar nicht kommunizieren; ‘Ehrlichkeit’ und ‘Offenheit’ sind keine Eigenschaften, die wir uns selbst zuschreiben dürften. Ein Geschäftsmann kann sich nicht selbst ‘durchsetzungsfähig’ nennen, das ist eine Eigenschaft, die ihm seine Kunden, Mitarbeiter oder Geschäftspartner zuschreiben müssen.

Aha… also ist implizite Kommunikation gar nicht so übel, oder? 😉

Ja, wie jetzt? Wenn beide Kommunikationsstile Vor- und Nachteile haben – beide gut und schlecht sein können – wie soll man dann – um Himmels willen  – seinen Bedürfnissen Ausdruck verleihen?
Es kommt eben darauf an, in welcher Situation, mit welchen Menschen man welche Wirkung erreichen möchte.

Was können Sie sofort tun?

  1. Sich der beiden Stile bei anderen Menschen bewusster werden:
    Als erstes schlage ich Ihnen vor,  eine noch feinere Antenne für diese beiden Sprachstile zu entwickeln.
    Achten Sie dazu einfach in den nächsten Tagen darauf, wie explizit oder implizit andere Ihnen gegenüber kommunizieren.
  2. Sich seiner eigenen (emotinalen) Reaktion bewusster werden:
    Achten Sie darauf, wie unterschiedlich Sie selbst auf diese beiden Stile reagieren, d.h wie geht es Ihnen dabei, wenn Ihnen jemand (über-)diplomatisch etwas durch die Blume zu sagen versucht oder andererseits sehr direkt und ausdrücklich mit Ihnen kommuniziert. Welche Ihrer Werte werden bei diesen beiden Stilen angesprochen oder andererseits vielleicht sogar verletzt?
  3. Sich des eigenen Stils bewusst werden:
    In welchen Situationen oder gegenüber welchen Menschen benutzen Sie eher den einen Stil oder … doch den anderen Stil? Z.B. Es gibt nicht wenige Leute, die gegenüber guten Freunden meist weitaus expliziter sind – als gegenüber Fremden  und – umgekehrt.
    Unter welchen Umständen flüchten Sie vielleicht sogar in den impliziten Stil – z.B. wenn Sie sich zu einem Statement gezwungen fühlen, ohne dass Sie dazu bereits eine klare Meinung haben?
  4. Trainieren Sie Ihre kommunikative Flexibilität:
    Unterm Strich sind also beide Sprachstile weder positiv noch negativ – solange man weiss, was man tut. Auf eine nette Art, implizit etwas zu äussern,  kann höflich und diplomatisch sein. Und auf eine adäquate Weise, direkt und explizit zu sein, reduziert Missverständnisse und verleiht einem Gespräch Präsenz und Intensität.
    Ganz im guten NLP-Sinne geht es auch hier darum, für sich mehr Wahlmöglicheiten zu schaffen. Trainieren Sie einmal ganz bewusst, den einen oder anderen
    Stil und achten sie auf die Reaktionen.

Denn wie sagte schon Paul Watzlawick, der grosse Therapeut und Kommunikationsforscher:

„Wenn dein einziges Werkzeug ein Hammer ist, sehen alle Probleme aus wie Nägel.“

Und falls Sie noch mehr über das Thema lesen möchten, lege ich Ihnen das Buch von dem Kommunikationsforscher Friedemann Schulz von Thun “Miteinander Reden Band 1” ans Herz,
das in keiner Büchersammlung fehlen sollte.
Friedemann Schulz von Thun: Miteinander reden Band 1

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